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© SMG, Sarah Schmid

Ein Tag in Backnang

Spazieren nach Plan? Wieso nicht! In Backnang lautet meiner heute:

  1. Vom Marktplatz auf den Burgberg marschieren.
  2. Blick auf den Fluss werfen, Pause an den Freitreppen einlegen.
  3. Flanieren an der Murr.

Was dann passiert: ein Date mit Gänsen, eine Überraschung im Stadtturm, eine Extra-Kugel am Ufer. Wer braucht schon einen Plan, wenn die Stadt das Zepter übernimmt!


From Chelmsford with love

Mein Tag beginnt mit einem Umweg. Statt direkt den Marktplatz anzusteuern, lege ich spontan einen Schlenker über den Chelmsford Platz ein. Den wird niemand als Postkartenschönheit bezeichnen, aber auf ihm steht eine original britische Telefonzelle. Sie ist das quietschrote Geschenk der Partnerstadt Chelmsford an ihren schwäbischen Städtekumpel Backnang und wird als Bücherschrank genutzt. In der Kabine blättere ich in englischen und fremdsprachigen Schmökern. Spoiler: Geschichten hortet Backnang nicht nur in seiner red telephone box. Siehe: nächste Etappe.


Stadtbummel trifft auf Gänsemarsch

Als ich von der belebten Uhlandsstraße in den Rathausplatz abbiege, habe ich sie gefunden — die Postkartenschönheit der Stadt. „Beauuuuutiful!“ rufen beim Anblick der hübschen Fachwerkhäuser bestimmt alle Chelmsforderinnen und Chelmsforder im Chor. Hier will ich am liebsten gleich eins der Cafés entern und mich unter die Einheimischen mischen. Meine Beine habe andere Pläne und tragen mich zum Gänsebrunnen. Der erinnert an das originellste Ereignis der Stadtgeschichte, den Gänsekrieg. Dessen 5-Etappen-Kurzversion lautet in etwa so:

  1. Empörung in Backnang: Die städtische Obrigkeit verbietet die Gänsehaltung.
  2. Nicht mit uns: Backnanger Frauen gehen auf die Barrikaden, bitten Herzog um Unterstützung.
  3. Standhaft bleiben: Herzog hält sich raus, Konflikt spitzt sich zu. Backnanger Frauen werden von Obrigkeit verleumdet und teils verhaftet.
  4. Na endlich: Männliche Bevölkerung wendet sich an Landesoberen: Magistrat und Bürgermeister knicken ein.
  5. Ende gut, Gänse wieder da: Die Gänseordnung besitzt später in ganz Württemberg Gültigkeit.

Das alles fand zwischen 1606 und 1612 statt, die Backnanger Frauenpower feiert man bis heute. Zum Gänsemarkt im Oktober präsentieren jährlich über 80 Ausstellende ihr Kunsthandwerk, regionale Produkte und Leckereien. Dabei sind die Gänse omnipräsent, als Holzdeko, als kostümierte Gänsekinder oder als echte Exemplare im Gatter — natürlich direkt hier am Gänsebrunnen.

Am Rathaus: eine Runde klatschen

Hinter der Gänseliesl erhebt sich das historische Rathaus im prachtvollen Fachwerk-Look. Von seinen Renaissance-Konsolen grinsen mich Köpfe und Fratzen an. Noch wilder wird es vor dem Eingang. Dort stehen drei Herren in Bronze, die — so scheint’s — den lokalen Honoratioren Beifall klatschen. Es sind „die drei Claqueure“ des Künstlers Guido Messer. Klatschen würde ich jetzt auch gerne, nicht nur für das Rathaus, sondern auch für ein anderes Gebäude. Denn hier am unteren Teil des Marktplatzes blicke ich den Hang hinauf zu einem imposanten Zwitterwesen.


Am Marktplatz: mit Fachwerk und Fanfare

Kirche, Turm und Schule: Im Stadtturm mit dem Turmschulhaus steckt von allem ein bisschen. Während ich mich dem 45 Meter hohen Backnanger Wahrzeichen nähere, stehen die Fachwerkhäuser links und rechts am Hang Spalier. Fehlt nur eine Fanfare. „Wird gemacht“, antwortet Backnang, zumindest sonn- und feiertags. Dann besteigen die Turmbläserinnen und -bläser den Stadtturm und spielen ihre Volkslieder und Choräle. Das ist Tradition, seit dem 17. Jahrhundert.

Die Fanfare lasse ich ausfallen, denn es ist Samstag, aber der Zeitpunkt ist trotzdem günstig. Heute steht nämlich die Tür zum Turmschulhaus offen und so betrete ich die Galerie der Stadt Backnang. Die lichtdurchfluteten Räume, getragen von alten Balken, erzeugen mächtig Stimmung für die Kunstwerke an den Wänden. Auf meinem Streifzug durch die drei Geschosse schaue ich mir nicht nur die filigranen Linolschnitte des Künstlers Philipp Hennevogl an, sondern blicke immer wieder durch die Fenster auf den Marktplatz und die Dächer der Stadt. Und dann werde ich vom Gebäude selbst nochmals überrascht. In seinem hinteren Teil hat sich der Stadtturm den frühgotischen Chor der Michaelskirche bewahrt!

Im Verborgenen: Theater, Puppen, Albrecht Dürer

Als ich das Gebäude verlasse, stellt ein Kellner im Schatten des Turmschulhauses Stühle und Tische auf. Das Scandi-Café „Lille Bønne“ hat hier am Marktplatz eindeutig den Logenplatz, keine Minute später bestellt eine Gruppe Freundinnen bereits Bagels und Panini. Beseelt durch die Wochenendstimmung stromere ich um das Turmschulhaus. Mir fällt auf, dass noch andere historische Gebäude Überraschungen bergen: Im Bandhaus lagerte man einst Wein, heute wird hier dank Bandhaus Theater und Professor Pröbstels Puppentheater Kultur gespeichert. Am Treppenaufgang zum Helferhaus hängen Plakate zu seinen aktuellen Ausstellungen. Hier kann man nicht nur (über)regionale Kunst betrachten, sondern stößt im Graphik-Kabinett auf Druckgrafiken. Die Sammlung besitzt Werke von Albrecht Dürer — ein Geheimtipp!


Vom Freit- zum Stiftshof: ganze Sicht, halbes Schloss

Über die Michaelsstaffel steuere ich die Stiftskirche St. Pancratius an. Hier gründeten Markgraf Hermann von Baden und Judith von Backnang das Augustiner-Chorherrenstift. Neben dem Gotteshaus betrete ich den kastaniengesäumten Freithof. Ich lehne mich über die kleine Mauer, unten plätschert die Murr. Grusel Fact: Unter meinen Füßen befand sich im frühen 12. Jahrhundert der städtische Friedhof. Sein Name – Freithof — rührt vermutlich daher, dass der Bereich später zum Stift gehörte und damit abgabenfrei war. Friedhof oder Freithof: Ein lauschiges Plätzchen ist es trotzdem. Meine Altstadtrunde beende ich am Stiftshof. Hier tummeln sich nochmals die historischen Gebäude: das Torbogenhaus, die ehemalige herzogliche Küche und natürlich das ehemalige herzogliche Schloss. Errichtet wurde es nach den Plä­nen des berühmten Landesbaumeisters Hein­rich Schick­hardt. Fehlt da nicht was? Der City-Flyer bestätigt meine Vermutung. Geplant waren zwei Flügel, nur einer wurde erbaut!


© SMG, Sarah Schmid

„Vanille, Zitrone, Himbeere“ an der Murrpromenade

Nach dem Gipfelsturm zieht es mich ans Wasser. An der Murrpromenade gönne ich mir ein Eis. Der Mann vom Gelato-Wagen schenkt mir eine Extrakugel, weil er „die ersten zwei nicht so schön geformt hat“. Mit der Waffel in der Hand setze ich mich auf die Freitreppen neben der Sulzbacher Brücke. Von hier aus habe ich alles im Blick: das Wehr mit dem rauschenden Wasser, die alte Stadtmauer, den Burgberg, die Stadtsilhouette inklusive aller Gebäude, mit denen ich heute bereits ein Tête-à-Tête hatte. Vom benachbarten Café wummert Loungemusik herüber. Die Sounds vermischen sich mit dem Gequatsche der Menschen, die es sich auf der Terrasse bequem gemacht haben. Obwohl ich den Fluss betrachte, spüre ich die Präsenz eines Backsteinriesens in meinem Rücken. Der Schweizerbau, eine ehemalige Lederfabrik mit der Dimension eines Flugzeugträgers, lässt sich nicht ignorieren.

Reif für die Inseln, ready fürs Spaßboot

Ich beschließe, dem Fluss zu folgen. An der Murrpromenade wandle ich wieder auf historischen Pfaden, zwischen Stadtmauer und Murr verlief bereits im Mittelalter ein öffentlicher Weg. Auf der benachbarten „Bleichwiese“ wurden damals die Tücher gebleicht. Heute parken dort Autos, aber beim Backnanger Straßenfest macht man gerne viel Platz für gute Laune. Seit 1971 wird hier und in der Innenstadt jährlich Party gemacht mit Live-Musik, Newcomer Contest, Vergnügungspark, Floh-, Kunsthandwerkermarkt und Murr-Regatta. Die hat es sogar ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft als größtes Spaßbootrennen der Welt. Mit dem Schlauchboot die Murr entlangplätschern, das wär’s! Immer wieder passiere ich kleine Wassersitzstufen, die „Murr-Inseln“ ragen in den Fluss hinein und sind gern genutzte Rastplätze. Ich schlendere weiter, nur noch überholt von Radfahrerinnen und Radfahrern. Ob sie zur Alten Spinnerei radeln? Oder weiter zu den Murrbädern Wonnemar? Bezwingen sie den Stromtal-Murrtal-Radweg? Oder sogar den Radweg der Deutschen Fachwerkstraße? Vielleicht fahren sie auch einfach nur nach Hause. Das ist mein Stichwort. Die Murr gurgelt mir ihre Abschiedsworte zu. Ich sage bis bald — spätestens zur Party mit den Gänsen. Und natürlich zur Murr-Regatta!

Autorin: Alexandra Brucker

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