Die Einen begeistern sich für das Innenleben eines Hightech-Verbrennungsmotors, die Anderen für Spaziergänge durch die Region. Umso verblüffter bin ich, als ich mich in Böblingen zwar nicht in einen Motor, aber doch ein bisschen in die Motorworld verliebe. Drei Seen und ein Schlossberg später hat mich die Stadt vollends um den Finger gewickelt.
© Frank HoppeDisneyworld? Motorworld!
Vom Bahnhof auf das Flugfeld in die Autohallen: praktisch! Fünf Minuten nach meiner Ankunft in Böblingen stehe ich vor meinem ersten Ziel. Die Motorworld Region Stuttgart hat auf dem ehemaligen Gelände des ersten Landesflughafens von Baden-Württemberg ihren Platz gefunden. Kaum habe ich die denkmalgeschützten Empfangs- und Werfthallen betreten, dehnt sich mein Zeitgefühl wie ein Gummiband. Empfangen werde ich von glänzendem Chrom, in der Luft hängt der Geruch von Öl und Benzin.
Wo früher Flugzeuge gewartet wurden, schlendere ich vorbei an hunderten von Old- und Youngtimern, Bikes, limitierten Sport- und Luxuswagen. In gläsernen Garagen präsentieren private Oldtimerbesitzerinnen und -besitzer ihre „Schätze“. Vor einer solchen Autobox kommt ein Ehepaar mit dem Besitzer ins „Benziner-Gespräch“. Aus Norderney kämen sie, erklärt ihm die Frau, es sei bereits ihr zweiter Besuch. „Dieses Mal übernachten wir im V8“, grinst der Mann, „im British Racing-Zimmer.“ Vom Designhotel und seinen automobilen Themenzimmern habe ich bereits gehört. Auf dem Handy schaue ich mir das besagte Zimmer heimlich an: Die Wände sind im markentypischen Dunkelgrün gefärbt, das Bett in die Karosserie eines Jaguar XJ2-S eingelassen.
© Frank HoppeBoxenstopps für Racing Stars
Weiter geht’s, vorbei an Restaurationsbetrieben und Showrooms. Die Motorworld ist definitiv kein statisches Museum, sondern ein quicklebendiger Marktplatz. Alle großen Autonamen sind hier ansässig, kostenlose Führungen finden ebenso statt wie Markenevents und Oldtimertreffen. Vor den Scheiben einer großen, gläsernen Werkstatt beobachte ich eine Armada an Mechanikern bei der Arbeit: Wie Bienen schwirren sie um ihre Königin — namens Maserati. Im Grandprix Originals Store bleibt mein Blick an limitierten Sneaker, Racing Lederjacken, Speed Club Polohemden hängen. Was ist nur los mit mir? Ich spiele mit dem Gedanken, mich wie ein Champion auszustatten.
Apropos Champions: Mr. und Mrs. Norderney haben mich überholt. Hinter den Jaguar-Fans schlüpfe ich in das „Motorworld Inn Restaurant“. Ein roter Ford Hamblin hängt kopfüber von der Decke, wir sind in einem Weltenmix aus Stazione Autostradale und Truck Stop gelandet. An stimmungsvollen Gastrospots mangelt es auf dem Areal nicht: Mit Retro-Vibes verführt auch das „PICK-UP! Restaurant“ im V8 Hotel nebenan. Der „Tower 66“ begrüßt mit Steakhouse und Bar, charmant heißt das „Check Inn Foodport“ im ehemaligen Empfangsgebäude von 1925 willkommen: Hier wird weiterhin Weltoffenheit gelebt, nun eben in Form eines Cafés. Mamma mia. Es wird Zeit, weiterzuziehen. Sonst beuge ich mich hier bald aus Versehen über einen Hightech Verbrennungsmotor.
© SMG Stuttgart Marketing GmbH - Sarah SchmidRunde ums Wasser, Saltos in der Luft
Von den Hangars ist es nur einen Katzensprung entfernt bis zum Langen See. An seinem Zipfel bleibe ich stehen. „Lang“ heißt: 860 Meter. Sich vorzustellen, wie auf dem heutigen Parkgelände einst Propellermaschinen auf dem Flugfeld landeten, fällt leicht. Ein Stelenweg entlang des Gewässers lässt Böblingens Luftfahrtvergangenheit aufleben. Von Station zu Station füllt sich mein Kopf mit Geschichten: Über mir höre ich die Flugpionierin Elly Beinhorn ihre Saltos drehen. Im nächsten Moment lausche ich schon der Bruchlandung des ersten Leichtflugzeuges. Das wurde vom Tüftler Hanns Klemm erfunden und hier in Böblingen das erste Mal getestet. Plötzlich sehe ich auf dem Gelände nur noch Flugzeuge: Die Bänke vor der Motorworld sind in der Form von Propellern gestaltet, der Lange See erinnert an einen Flugzeugflügel und mitten auf dem Spielplatz steht ein Kontrollturm, auf dem die Kinder den Überblick behalten. Als ich das Quartier verlasse, jubiliert der Schlechte-Wortwitz-Gott. Er verführt mich zur Aussage: Die Zeit ist wie im Flug vergangen
Zwei Seen und ein Kurzurlaub
Nach den röhrenden Motoren auf dem Flugfeld empfängt mich die Innenstadt mit leisem Geplätscher. Die Bahnhofsstraße befördert mich geradewegs an den Elbenplatz und damit in meinen Expressurlaub… am Unteren und Oberen See. An einem Foodtruck kaufen die Einheimischen Gemüse und Obst, ich packe auf der großen Seetreppe mein Picknick aus. Über einer Reihe Platanen schweben Amphoren in der Luft, die Kunstinstallation verleiht dem Ort einen mediterranen Hauch. Ich bin nicht die Einzige, die ihre Mittagspause am Wasser verbringt. Drei Stufen unter mir bespricht eine Gruppe von Kolleginnen ihren Feierabend. Ich kann es nachvollziehen: Hier an den Böblinger Seen verfällt man bereits tagsüber in After-Work-Stimmung.
© Sarah Schmid - SMGPosen an der Wandelhalle, chillen am Bootshaus
Mal schauen, was das Westufer für mich bereithält. Durch die Rosengärten der Partnerstädte Glenrothes und Pontoise steuere ich auf die Kongresshalle zu. Ihr moderner Bau und die Alba-Brücke bilden das Bindeglied zwischen dem Unteren und dem Oberen See. An der Wandelhalle nebenan beobachte ich Teenager, die sich für eine Fotosession in Pose werfen. Sie haben sich einen guten Spot ausgesucht. Schachbrettmuster, 224 Säulen, die Delfinfontäne, das glitzernde Wasser geben auch auf meiner Kamera eine gute Figur ab. Ist das der schönste Ort am See? Schwer zu sagen, denn die Konkurrenz schläft nicht: Wenige Meter weiter bevölkern fröhliche Gesichter die Terrasse des Bootshauses. An seinem Holzsteg verkündet ein Schild: „Gerne steht ihnen unser Bootsverleih täglich bei schönem Wetter zur Verfügung.“ Die unruhigen Wolken lassen mich heute nicht in die Böblinger See stechen, aber langsam dämmert mir, weshalb die Einheimischen ihre Feste so gerne am Wasser feiern. Von Juni bis September beglückt der „Sommer am See“ mit Promenadenkonzerten, Songtagen, Filmvorführungen, Flohmarkt und dem „Schlemmen am See“.
© SMG Stuttgart Marketing GmbH - Sarah SchmidWilde Gesichter, mutige Bauern
Ich zelebriere derweil mein privates Festival: Es heißt „Spazieren am See“ und führt mich bis ans Ende des Oberen Sees. Zwischen mir und dem Stadtpark erhebt sich plötzlich ein riesiges Denkmal, von dem mich die „Gesichter des Bauernkrieges“ wild anstarren. Die zehn Meter hohe Säule wurde 2025 vom Künstler Peter Lenk gestaltet. Bei dem Namen klingelt etwas bei mir. Ist das nicht der Bildhauer vom Bodensee, der mit seinen provokant-satirischen Skulpturen wie der „Imperia“ in Konstanz bekannt geworden ist? Umso neugieriger nehme ich gleich das Kunstwerk in Augenschein. Da werden die Bauern am Fuße des Böblinger Goldbergs vernichtend geschlagen, der Graf von Helfenstein durch Speere getrieben oder der Bauernführer Jäcklein Rohrbach bei lebendigem Leib verbrannt. „Gegrillt“, wie es der Heerführer Truchsess von Waldburg ausdrückte. Dessen lebensgroße Figur steht ganz oben auf dem Denkmal, in seinen Händen hält der raffgierige Heerführer zwei Geldsäcke. Ob diese Darstellung des Bauernkrieges in Böblingen für Diskussionen gesorgt hat? Gelungen finde ich auf alle Fälle die Platzierung der Säule mit Blickachse zum Schlossberg. Dort beherbergt die historische Zehntscheuer das Deutsche Bauernkriegsmuseum.
© Stadtmarketing BöblingenWind of Change in der Zehntscheuer
Den kleinen Schlossberg habe ich mir als Finale aufbewahrt, seine Erklimmung beginne ich am Elbenplatz. Geschichtsmäuse dürfen mir folgen, alle Wasserratten hole ich auf dem Heimweg gerne an der Seetreppe wieder ab. Fünf Minuten später lässt mich die übergroße Zehntscheuer zu einer Spielfigur der Geschichte schrumpfen. Die Freiheitskämpfe, die am Seeufer von Peter Lenk verbildlicht wurden, nehmen hier im Deutschen Bauernkriegsmuseum nochmal richtig Leben an. In der Zehntscheuer hat außerdem die Städtische Galerie ihren Platz gefunden. Auch in dieser weht ein freiheitsliebender Wind. Die Sammlung konzentriert sich nämlich auf fortschrittlich gesinnte Künstlerinnen und Künstler aus dem Südwesten, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts zu Gruppen zusammenschlossen.
Schwein gehabt auf dem Schlossberg
Mit so viel Wind of Change im Rücken sind die letzten Meter bis zum Marktplatz ein Klacks. Ein Luftangriff verwandelte im Oktober 1943 fast die gesamte Böblinger Altstadt in eine Trümmerlandschaft. Umso kostbarer erscheint mir die Drei-Häuser-Zeile, die den 2. Weltkrieg überlebt hat. Vogtshaus, Stadtschreiberei und Oberamtsgebäude halten am Fuß der Stadtkirche St. Dionysius die Stellung. Im Vogtshaus und in der Vogtsscheune versteckt sich das bundesweit einmalige Deutsche Fleischermuseum. Auf sieben Etagen offenbart es die Geschichte des Metzgerhandwerks. Statt der sieben Stockwerke erklimme ich jetzt allerdings die letzten Meter des Schlossberges. Ein Schloss sucht man auf diesem Berg heutzutage vergeblich, dafür werde ich mit Aussicht entlohnt. Immer wieder blitzt in der Ferne das Wasser der Seen zwischen den Gebäuden auf. Auf der Plattform vor der Stadtkirche fotografiert ein Mann seine Ehefrau. Ich erwidere ihr Lächeln… und stutze. Das darf doch nicht wahr sein. Auf den letzten Metern haben mich Mr. und Mrs. Norderney schon wieder überholt. Ich glaube, wir müssen ein Wörtchen reden… über Motoren?
Autorin: Alexandra Brucker
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