Mercedes-Benz und Breuningerland gehören zu Sindelfingen wie Flädle in die Suppe. Doch was steckt noch drin, in der Stadt, die so eng mit dem berühmten Autostern und dem Shoppingparadies verbunden ist? Die S-Bahn nimmt Fahrt auf, meine Neugierde schaltet in den nächsten Gang. Heute knacke ich das Überraschungsei. Und siehe da: Im Laufe des Tages erlebe ich mein grünes Wunder, entdecke Traumberufe, erfinde in der Altstadt eine Faustregel und vergebe die Best of Sindelfingen Awards.
© SMG_Sarah SchmidEin Versprechen einhalten im SCHAUWERK
„Das ist was ganz Besonderes“, ruft mir ein fremder Mann von der anderen Straßenseite zu. Ich stehe vor dem geschlossenen SCHAUWERK und presse mein Gesicht an die verglaste Scheibe. „Kommen Sie unbedingt wieder, wenn‘s geöffnet ist!“, beharrt der Mann, „Lohnt sich!“ Ich lache, nicke und halte Wort. Vier Wochen später betrete ich das ehemalige Fabrikgebäude. Dieses Mal klickt’s. Die automatische Glastür schwingt auf und winkt mich gastfreundlich herein.
Was ich bisher wusste: Dieser Ort beherbergt eine der größten privaten Kunstsammlungen in Süddeutschland. Was ich erst jetzt am eigenen Körper erfahre: Die lichtdurchfluteten Hallen muten selbst wie ein überdimensionales Kunstwerk an. Auch wer nichts mit zeitgenössischer Malerei und Installationen am Hut hat, kann sich dem Charme des SCHAUWERKS nicht entziehen. Wie ausgelegte Krumen in einer gleißend weißen Märchenwelt locken mich die intensiven Farben, ungewöhnlichen Formen und Techniken immer weiter von Halle zu Halle, über Treppen und Rampen durch das Gebäude.
Ein Aufsichtsmann zeigt mir, wie aus einer Wolke aus verschweißten Stahlstäben ein menschlicher Körper entsteht, wenn ich vom Objekt nur ein paar Schritte zurücktrete. Vollends in seinen Bann zieht mich ein Werk von Sam Falls. Der Künstler hat seine über vier Meter breite Leinwand im Schwarzwald ausgerollt und darauf Blätter, Blumen, Zweige verteilt. Dann hat er sie mit Pigmenten bestäubt und mit Regen und Licht einwirken lassen. Berührt erfahre ich, dass „Black Forest“ einer der letzten Ankäufe der Stiftungsgründerin Christiane Schaufler-Münch war, bevor sie 2025 starb. Man stelle sich so ein Leben vor: Über nahezu fünf Jahrzehnte lang trugen Christiane Schaufler-Münch und ihr Ehemann, der Unternehmer Peter Schaufler, über 3.500 zeitgenössische Kunstwerke aus der ganzen Welt hier in Sindelfingen zusammen. „Kunstmäzenin“, denke ich, „das wäre ein Traumberuf, gleich nach meinem aktuellen, dem der Ganztagsspaziererin.“ Die Glastür klickt zum Abschied und ich blicke hinüber zur anderen Straßenseite. Kein fremder Mann in Sicht, bei dem ich mich bedanken könnte. Aber er hatte Recht. Das SCHAUWERK ist was ganz Besonderes. Und seine internationale Sammlung passt hervorragend zu dieser Stadt, in der stolze 120 Nationalitäten zusammenleben.
© SMG_Sarah SchmidKevin und die Schokoladenfabrik
Beschwingt schlendere ich in die Innenstadt. Das fällt leicht: Ich folge immer dem Gold- und später dem Sommerhofenbach. Die Worte unserer Fotografin kommen mir in den Sinn. „Sindelfingen ist grün!“, hat Sarah mir vor meinem Ausflug prophezeit. Nachdem ich die Goldbachanlage samt Vogelkonzert und den Dronfieldpark mit seinem Mammutbaum hinter mir gelassen habe, liegt der Sprung zum Stadthallenpark nahe. Aber eine andere Versuchung ist größer. In der Böblinger Straße 6 steuere ich „Kevin Kugel Chocolatier“ an. Der Name ist in der Region bekannt, an der heimischen Produktionsstätte gönne ich mir die erste Kugel. Oder doch die gerösteten Haselnüsse aus dem Piemont in tiefschwarzer Schokolade? Unschlüssig stehe ich vor der Theke. Jede Pralinenkreation könnte als Kunstobjekt im SCHAUWERK glänzen. Mit Pistazien Mille Feuille auf dem Teller nehme ich neben der verglasten Wand zur Küche hin Platz. Von diesem Logenplatz aus schaue ich den Profis auf die Finger. Meine Gedanken schweifen ab: Platziere ich Chocolatiere in meinem Ranking der Traumberufe vor oder nach der Kunstmäzenin?
© SMG_Sarah SchmidQuatschen am Marktplatz, schlemmen am Wettbachplatz
Noch eine „ruhige Kugel schieben“? Das verbietet mir der Schlechte-Wortwitz-Gott. Ich verabschiede mich vom Sindelfinger Willy Wonka und bummle zum Marktplatz. An seiner Spitze wacht das Mittlere Rathaus über die aktuellen Bauarbeiten. Aufgrund dieser bleibt mir der Freundschaftsbrunnen mit Sagenpferd Pegasus leider verborgen. Das Herumdrehen an seinen bewegbaren Figuren hebe ich mir für meinen nächsten Besuch auf. Am Ende des langgestreckten Platzes tauche ich stattdessen in den Sindelfinger Alltag ein. Lauthals unterhalten sich die Einheimischen in den Cafés. Es ist Donnerstag und somit Wochenmarkt. Kopfsalat, Karotten, Kartoffeln, vor allem aber die saftig leuchtenden Erdbeeren lenken mich vom Tratsch des Tages ab. Als ich den Wettbachplatz erreiche, blinzeln mich vereinzelte Sonnenanbeter träge an, die Terrassen werden sich auch hier noch füllen. Gemütlich sieht es allemal aus: Rundum haben sich Wirtshäuser und Pizzerien, ein Burger-Restaurant und eine Sushi-Bar niedergelassen. Fachwerk kündigt die nahe Altstadt an.
© SMG_Sarah SchmidKurz, hinten, lang in der Altstadt
Noch glücklich und satt von meiner Schokoladenverkostung kehre ich den Speisekarten den Rücken und gehe auf Entdeckungstour durch die Altstadt. Dabei komme ich schnell auf die „kurz-hinten-lang“-Faustregel. Die schönsten Fachwerkgebäude stehen nämlich geballt in der Kurzen Gasse, der Hinteren Gasse und der Langen Straße. Wer hätte das gedacht? Sindelfingen kann nicht nur Luxusautos. Sindelfingen kann Fachwerk. Im Gassendreieck von „kurz-hinten-lang“ vergebe ich die Best of Sindelfinger Fachwerk Awards.
Platz 1 belegen Salzhaus und Altes Rathaus. Beide sind durch einen Bogen verbunden und stechen mit ihren ockergelben Balken heraus. Extrapunkte gibt’s für das Stadtmuseum im Inneren. In vier Stockwerken steige ich vom 4. Jahrtausend vor Christus bis in die Sindelfinger Gegenwart. Huch: In der ersten Etage schluckt mich eine düstere, hölzerne Original-Bauernstube aus dem 19. Jahrhundert.
Platz 2 gewinnt das Hexensprung-Ensemble. Es ist Teil des Hexenpfades, der in neun Stationen über die historischen Hexenverfolgungen in Sindelfingen erzählt. Fun Fact: Bei diesem Gebäude kann überhaupt kein Zusammenhang mit dem Thema hergestellt werden. Man vermutet vielmehr, dass der schiefwinklige Bau die Fantasie der Einheimischen beflügelte. Das „Hexenhaus“ ist ein Namensgespinst aus Zeiten der Romantik!
Platz 3 geht an das viergeschossige Storchenhaus — alleine wegen seiner Größe. Wie ein Zwerg biege ich in seinem Schatten um die Ecke und steuere auf den Schaffhauser Platz zu.
An der alten Stadtmauer hat sich ein junges Paar im Schatten eines Walnussbaums niedergelassen. Eine Kellnerin des „Drei Mohren“ schreitet über den Platz und nimmt ihre Bestellung auf. „Einmal den gegrillten Lachs mit angebratenem Spargel, bitte.“ „Und den Hähnchenspieß mit Gemüse plus Pommes. Danke!“ Ein lauschiges Plätzchen für ein spätes Mittagessen. Aber ich ziehe weiter. Denn mich trennt nur ein Zebrastreifen vom Corbeil-Essonnes-Platz und einem Sindelfinger Wahrzeichen.
© SMG_Sarah SchmidKlappern und rätseln im Stiftsbezirk
Als ich vor dem Schwätzweiberbrunnen stehen bleibe, denke ich amüsiert an die plaudernde Bevölkerung am Marktplatz zurück. Auf der Spitze des Brunnens tauschen zwei steinerne Marktfrauen ihre Geheimnisse aus. Zu ihren Füßen blicken mir die Köpfe des Melancholikers, Cholerikers, Sanguinikers und Phlegmatikers entgegen. Phlegmatisch fühle ich mich hier ganz und gar nicht. Ich werfe sogar kurz einen Blick in die Alte Webschule. Nachdem ich durch die kostenlose Weberei-Ausstellung geschlendert bin und den berühmten Jacquard-Webstuhl inspiziert habe, höre ich aus einem der oberen Geschosse ein emsiges Klappern. Eine Tür steht offen und ich blicke auf ein Dutzend Menschen, die ihre Webstühle konzentriert auf Trapp halten.
Nach dem Webkurs ruft der Stiftsbezirk: Die romanische Martinskirche habe ich vorhin zwischen zwei Gebäuden erspäht. Das Zentrum des wohlhabenden Chorherrenstifts lag einst außerhalb der Stadt. Auf einer Mauer neben dem Gotteshaus zieht mich ein Schriftzug an — das Martinskirchenalphabet sieht alt aus,ist aber aus dem Jahr 1999. Als ich die Infotafel durchlese, packt mich meine Rätselliebe: Die Künstlerin Sabina Hunger hat sich von den alten Symbolen an den Portalen und Mauern des Gotteshauses inspirieren lassen. Daraus hat sie eine Zeichensprache entwickelt und später einen geheimen Satz formuliert. Tatsächlich entdecke ich nun auch an der Martinskirche diverse Zeichen. Ich kehre zurück zum Alphabet und versuche, es zu entziffern. Mit „Ich bin“ fängt der Satz an. Das Ende des Rätsels überlasse ich allen Hobby-Sherlock-Holmes.
© SMG_Sarah SchmidPark-Hopping bis in den Sommerhofenpark
Mit Webstuhlgeklapper im Ohr, Geheimschriften im Kopf, Schokokugeln im Bauch steuere ich einen perfekten Ort an, um meine Eindrücke zu sortieren. Den Klostersee! Wer erinnert sich an Sarahs Worte? Sindelfingen ist grün. Ich könnte hier einen Tag lang damit verbringen, von Park zu Park zu hoppen. Am Ufer fotografiere ich die Stadtsilhouette mit der Martinskirche. Dann setze ich mich neben einen Angler und genieße die Ruhe. Ich befinde mich wieder inmitten der grünen Parkkette. Nach Süden hin könnte ich mit Stadthallen-, Dronfieldpark und Goldbachanlage meinen Ausgangspunkt ansteuern. Aber zum Tagesabschluss wende ich mich nach Norden und betrete den Sommerhofenpark. Im Rahmen der Landesgartenschau wurde er 1990 zur „grünen Visitenkarte“ der Stadt umgestaltet.
Auch ich zücke meine Visitenkarte. Gestatten Sie, ich bin Reporterin, Traum-Mäzenin und -Chocolatiere, Martinskirchen-Rätselknackerin. Darf ich Ihre Bekanntschaft machen? Die Birken nicken und rascheln im Wind. Ich betrete das lange Sommerhofental, das von gestalteten Parkarealen in urtümliche Naturlandschaften übergeht. Die Klosterseehalle scheint in einen Dornröschenschlaf verfallen zu sein, dafür ist die Dampflokomotive in ihrer Nachbarschaft umso aktiver. Jauchzer weisen mir den Weg zum Miniaturzug, der von April bis September seine Runden dreht. Beim holzverschnörkelten Györer Pavillon drehe ich mich im Kreis und lasse die Urlaubsstimmung auf mich wirken. Im Biergarten füllen sich die Tische, eine Gruppe Jugendlicher spielt Boule, im Rosengarten frisieren zwei Gärtner mit schnellen, präzisen Bewegungen die Büsche. Auf dem Spazierweg schiebt eine Mutter einen Buggy an mir vorbei, ein fünfjähriger Junge zieht an ihrer Hand. Ich sehe es ihm an, er will dasselbe wie ich, nämlich über die wilden Wiesen zum Bach hüpfen. Am Hang blickt der Stadtwald auf uns herab. Vor lauter Bäumen sieht man es nicht, aber oben im Grünen thront das Badezentrum Sindelfingen, das größte Sport- und Familienbad in der Region.
Es wird auf mich warten müssen! Auf der Heimreise schaue ich aus dem Fenster. Wald und Wiesen und Fachwerk haben Platz gemacht für das Mercedes-Benz-Werk und seine markanten Schornsteine. Während die S-Bahn Fahrt aufnimmt, denke ich an schneeweiße Kunsthallen und dunkle Schokoladenkugeln, klappernde Webstühle und geschwätzige Brunnenfiguren.
Autorin: Alexandra Brucker
Du brauchst noch mehr Tipps zur Erlebnisregion? Dann schau doch mal bei unserem Instagramkanal @erlebnisregionstuttgart vorbei:

