50 Jahre Weindorf! Wenn das kein Grund zum Feiern ist. Ich war mittendrin – und das tatsächlich zum ersten Mal.
In Stuttgart kenne ich mich inzwischen ganz gut aus, das Weindorf war für mich aber noch Neuland. Höchste Zeit also, das zu ändern. Los ging‘s ohne festen Plan, dafür mit ordentlich Neugier auf Lauben, Weine und schwäbische Leckereien.
© SMG, Ellen HaeffnerDas schönste (Wein)dorf in der Stadt
Seit 1976 verwandelt das Stuttgarter Weindorf die Innenstadt rund um Marktplatz, Kirchstraße und Schillerplatz jedes Jahr in eine ganz eigene kleine Welt aus Weinlauben und schwäbischer Kulinarik. Zwischen den Häuserfassaden reiht sich eine Laube an die nächste – und für knapp zwei Wochen scheint die sonst so geschäftige Innenstadt plötzlich einen Gang runterzuschalten.
Schon nach den ersten Metern fiel mir auf: Keine Laube gleicht der anderen. Hier rot-weiß karierte Tischdeckchen und Holzbänke, dort Weinreben und Lichterketten – und irgendwo dazwischen wird angestoßen und lebhaft geplaudert. Jetzt musste ich nur entscheiden, wo mein Rundgang beginnen sollte.
© SMG, Ellen HaeffnerWo geht’s hier bitte zum Wein?
Bei über 30 Lauben konnte ein bisschen Orientierung nicht schaden. Bevor ich also die erste ansteuerte, machte ich deshalb einen Abstecher zum Infostand der Pro Stuttgart vor dem Alten Schloss. Hier gab‘s jede Menge Tipps und Infos, schöne Weindorf-Postkarten und die Jubiläumsausgabe des Weindorfhefts zum Schmökern.
Auch beim Merch stand das Jubiläum dieses Jahr im Mittelpunkt: Neben Magnumweinflaschen, Socken, Stoffbeuteln und T-Shirts gab es sogar ein limitiertes Jubiläumstrikot. Besonders schön: Ein Teil des Erlöses aus dem Trikotverkauf kam der gemeinnützigen Organisation KLEINformat! zugute.
Bei mir wanderte allerdings erst einmal eine Weindorf-Postkarte in die Tasche – schließlich wollte ich den liebsten zu Hause ein paar Weindorf-Grüße zukommen lassen. Praktisch: Am Infostand konnte ich sie sogar kostenlos verschicken.
© SMG, Ellen HaeffnerLaubenliebe
Nur ein paar Schritte weiter fiel mir die „echt regional“- BW-Bank-Laube ins Auge. Hier bekamen ausgewählte kleinere Stuttgarter Weingüter eine gemeinsame Bühne für ihre Weine. Eine schöne Gelegenheit, an einem Ort gleich mehrere Stuttgarter Weingüter kennenzulernen.
Überhaupt wanderte mein Blick auf meiner Runde immer wieder auf die Weinkarten. Riesling, Trollinger oder Lemberger kannte ich schon – doch dazwischen entdeckte ich auch Namen, bei denen ich erst einmal genauer hinschauen musste.
Schillerwein fand ich zum Beispiel auf der Karte der Zaißerei. Dahinter steckt eine echte württembergische Besonderheit: Rote und weiße Trauben werden gemeinsam gekeltert. Seinen Namen verdankt der Wein seiner hellrot schillernden Farbe und nicht etwa dem Schriftsteller. Wieder was gelernt!
Natürlich wollten auch die anderen Weinkarten noch genauer studiert werden: Weinfactum, Currles Dreimädelhaus und die Stadt Laube zum Beispiel lagen ebenfalls auf meinem Weg. Bei 30 Lauben war mir aber klar: Alles würde ich an diesem Tag nicht schaffen – und überall probieren erst recht nicht.
© SMG, Ellen HaeffnerViertele, Zwiebelrostbraten und Slushy?
Nach so viel Schauen wurde es Zeit fürs Probieren. Schließlich gab’s auf meiner Runde nicht nur in den Lauben, sondern auch auf Tellern und in Gläsern einiges zu entdecken.
Käsespätzle, Zwiebelrostbraten oder Maultaschen gehören natürlich zu den schwäbischen Klassikern. Doch dazwischen entdeckte ich auch die eine oder andere kulinarische Überraschung.
Ein echter Geheimtipp von mir: die Käsespätzle Kroketten von 1821 Tübingen – einem der Neuzugänge auf dem Weindorf.
Außen knusprig, innen ein weicher, herzhaft-käsiger Käsespätzle-Kern und dazu eine richtig würzige Schnittlauch Aioli – die Kombination gefiel mir echt gut. Ein alter Klassiker mal neu gedacht!
Unterwegs fiel mir noch etwas auf: Immer wieder kamen mir Menschen mit einem Wein-Slushy in der Hand entgegen. Meine Neugier stieg – bei den sommerlichen Temperaturen sah diese eisige Weinvariante auch einfach zu verlockend aus. Schon fand ich mich an einer Theke wieder: „Einen Weißwein-Slushy bitte“. Wenig später schlürfte ich dann selbst am Strohhalm. Ich war überrascht, wie fruchtig er schmeckte. Für meinen Geschmack fast einen Ticken zu süß – aber vom Weiterschlürfen hielt mich das nicht ab. Die Slushys gab es in zahlreichen Lauben und in verschiedenen Geschmacksrichtungen.
Auch vegetarische oder vegane Gerichte entdeckte ich immer häufiger auf den Speisekarten der Lauben. Dabei fiel mir noch etwas Neues auf: das Label „Speise aus der Region“. Da ich beim Einkaufen selbst gerne auf Regionalität achte, gefiel mir die Idee dahinter: Gekennzeichnet wurden Gerichte, deren Hauptzutat zu mindestens 75 Prozent aus Baden-Württemberg stammte.
© SMG, Ellen HaeffnerMein Tipp fürs nächste Weindorf: Wer gerne schon mittags unterwegs ist, sollte einen Blick auf die wechselnden Mittagstische der Lauben werfen. Dabei stehen die Chancen auch gut, auch spontan und ohne Reservierung einen Platz in deiner Lieblingslaube zu ergattern.
© SMG, Sarah SchmidRaus aus der Laube, rein ins Getümmel
Meine Route führte mich langsam, aber sicher vom Schillerplatz in Richtung Marktplatz. Mit meinem Slushy in der Hand schlenderte ich entspannt weiter und schaute, was mir unterwegs noch begegnete.
Ich kam an vollen Lauben vorbei, hörte Gläser klirren und kleine Gesprächsfetzen auf Schwäbisch. Aus den Küchen zogen die unterschiedlichsten Düfte herüber, aus der nächsten Laube klang Musik – und plötzlich blieb ich doch ein paar Minuten länger stehen als geplant.
Auch abseits der Lauben gab es auf dem Weindorf vieles zu entdecken: das traditionelle Traubenpressen zum Beispiel, Konzerte im Innenhof des Alten Schlosses oder die Familiensonntage.
Irgendwann merkte ich: Aus meiner kleinen Runde war längst ein ziemlich langer Weindorf-Besuch geworden. Aber genau das gehörte wohl dazu. Ob mit den Liebsten oder bei spontanen Bekanntschaften am Nachbartisch – hier wurde angestoßen, zusammengerückt und schnell mal die Zeit vergessen.
Zum Schluss suchte ich mir noch ein gemütliches Plätzchen, beobachtete das Treiben um mich herum und ließ meinen Besuch langsam ausklingen. Mir hat es jedenfalls richtig gut gefallen und ich freue mich schon auf nächstes Jahr.
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